"Kurier", Dienstag, 9. Jänner 2007
DER MANN, DER PUTIN
DIE LANGE NASE ZEIGT !
Reportage.
Was immer die EU-Kommission in Brüssel
an Energie-Konzepten vorlegt, Wolfgang Löser
schüttelt nur den Kopf. Haus und Hof des
Nebenerwerbsbauern aus Streitdorf im
niederösterreichischen Weinviertel sind seit dem
Jahr 2000 vollkommen energieautark. Dreht
Rußland dem Westen wieder Mal den Gashahn ab,
ist ihm das egal. Den Strom liefern Windkraft und
Photovoltaik, der Kraftstoff für drei schwere
Traktoren und drei Pkw kommt auf Pflanzenöl und
für die Wärme sorgen Hackgut und die Solaranlage am Dach.
Ich habe immer nach Unabhängigkeit gesucht,
erklärt der Mechaniker-Meister.
Ein Schlüssel-Erlebnis gab es für ihn in den
70er-Jahren, als er zur Tankstelle kam und es
keinen Diesel mehr gab. Viele Jahre später waren
es die steigenden Diesel-Preise. Das habe ich mir
nicht länger gefallen lassen und habe meinen Betrieb umgestellt.
TANK ODER SCHNITZEL
Rund 60 Hektar hat sein Betrieb, auf zehn Hektar werden jetzt
Sonnenblumen angebaut. Die Traktoren und Autos
laufen mit kaltgepreßtem Sonnenblumenöl.
Meine Frau verwendet das auch für den Salat und zum
Schnitzelbacken. Das Nebenprodukt der
Ölgewinnung, den sogenannten Presskuchen,
verkauft Löser als hochwertiges Tierfutter an
Bauern. Der Kraftstoff ist bio, weil Löser auch
auf Nachhaltigkeit achtet. Angebaut werden neben
Sonnenblumen auch Getreide, Kartoffel und
Zuckerrüben.
Daß der Energie-Pionier von Nachbarn
gelegentlich als Spinner betrachtet wird, stört
ihn nicht. Das ist mir wurscht, ich will auch
niemanden bekehren. Als im Jahr 2002 in seiner
Gegend Windräder aufgestellt wurden, kaufte er
Anteilsscheine. Mittlerweile ist es so, daß der
Betrieb von Löser mehr Strom erzeugt, als er
verbraucht. Der Energie-Überschuß wird als
Ökostrom verkauft.
Der Nebenerwerbsbauer, der bei der Straßenmeisterei in Stockerau arbeitet,
fürchtet, dass politische Konflikte um Energie-Lieferungen, wie sie auch
zwischen der EU und Rußland bestehen, noch weiterzunehmen
werden. Die mörderische Atom-Energie lehnt Löser
ab. Von der Politik erwartet er sich eine Kosten
deckende Vergütung für erneuerbare Energien und eine ökologische
Steuerreform.
Sein Motto : Noch keine Minute hat Löser den
Umstieg auf alternative Energieversorgung bereut.
Engpässe bei Erdgas und Erdöl können seinen
Betrieb nichts anhaben. Als Motto für sein
Engagement hängt in seiner Werkstatt in Zettel
mit einem Mark-Twain-Zitat : Nichts auf der Welt
ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen
ist. Das ist meine Antriebskraft.
- Margaretha Kopeing
Erster energieautarker Bauernhof in Österreich im
Internet http://www.energiebauernhof.com